Bremens IT-Dilemma: Mehr Nachwuchs, weniger Einstiegschancen
04.05.2026Quellen und {Factsheet} Ihr wollt tiefer ins Thema einsteigen? Hier findet ihr eine Übersicht, auf welche Quellen wir für den Artikel zurückgegriffen haben.
Mehr erfahrenIm Herbst 2025 startete die Zukunftswerkstatt, die wir gemeinsam mit den LogistikLotsen und dem Projekt BBNE Lobby durchführen und die von der Schütting Stiftung der Handelskammer Bremen und Bremerhaven gefördert wird. Sie bringt Auszubildende und dual Studierende sowie Unternehmen aus IT und Logistik zusammen, um sich über die Zukunft der Ausbildung auszutauschen und Zielbilder zu entwerfen.
Ein zentrales Ergebnis aus dem ersten Termin: Was sich junge Menschen von einer Ausbildung wünschen, steht aktuell kaum im Ausbildungsplan. „Ich möchte selbst ausprobieren, mich einbringen, Verantwortung übernehmen, auf Augenhöhe unterstützt werden – und wissen, wofür ich etwas tue“, fasste eine Teilnehmerin der Workshop-Reihe ihre Wünsche zusammen – und bekam dafür viel Zustimmung der anderen jungen Teilnehmenden.
Dennis Bursy und Thomas Jurk, Software-Entwickler bei engram member of FINNOFLEET, waren beim zweiten Workshop der Zukunftswerkstatt dabei. „Als wir eingeladen wurden, fanden wir das Format sofort gut“, erinnert sich Bursy. „Es ist wertvoll, sich in Ruhe mit anderen Unternehmen über Themen auszutauschen, die die Zukunft der Ausbildung betreffen – gerade, wenn man wie wir nach einer Pause wieder mit der Ausbildung startet.“
Der aktuelle Ausbildungsrahmenplan bereitet nicht mehr ausreichend auf den Arbeitsalltag in der IT vor.
Dennis Bursy, Software-Entwickler und Ausbilder bei engram member of FINNOFLEET
Engram member of FINNOFLEET bildet seit diesem Jahr wieder aus, aktuell einen dualen Studenten frisch vom Abitur und einen Umschüler. Dennis Bursy und sein Kollege Thomas Jurk haben dafür extra ihren Ausbildereignungsschein (AEVO) gemacht. Nina Müller, die als HR-Generalistin die Ausbildung bei engram begleitet, betont: „Es war uns wichtig, dass wir noch mehr Personen im Unternehmen haben, die Ausbildungen engagiert und praxisnah mitbegleiten können. Wenn man einen jungen Menschen ins Unternehmen nimmt, möchte man ihm ja auch angemessene Qualität an Begleitung zukommen lassen.“
Was die Zukunftswerkstatt gezeigt hat – eine Lücke zwischen Ausbildungsplan und Alltagsrealität in den Unternehmen – deckt sich mit den Eindrücken der beiden engram-Ausbilder: „Aktuelle Ausbildungsrahmenpläne bereiten nicht mehr ausreichend auf den Arbeitsalltag vor.“ Speziell in der IT sei die Diskrepanz aufgrund der schnelllebigen Entwicklungen nicht nur bei Soft Skills, sondern auch bei Hard Skills groß. „Wir hören von unseren Auszubildenden oft, dass sie das Gefühl haben, Dinge in der Berufsschule zu tun, die sie nicht weiterbringen“, berichtet Bursy.
Thomas Jurk macht’s konkret: „Die Berufsschule lehrt beispielsweise viel zu Cisco-Systemen. Wir und viele andere setzen die aber gar nicht ein. Das ist halt nur in der Berufsschule so, weil die da diese Zertifikate mitvermitteln.“
Es gebe aber noch deutlich schwerwiegendere Lücken: KI, Cloud Engineering, moderne Sicherheitsarchitekturen – „Themen, die zwar aufgenommen werden, aber nicht in der Tiefe, wie sie relevant sind“, sagt Jurk. Auch Themen wie der verantwortungsvolle Umgang mit Künstlicher Intelligenz, Nachhaltigkeit oder Green IT spielten kaum eine Rolle.
Und dann seien da noch die Soft Skills, die auch in der Zukunftswerkstatt wiederkehrend besprochen wurden. „Teamfähigkeit, Konfliktlösung, Eigenverantwortung, sich etwas zutrauen – das sind Fähigkeiten, die durch die Ausbildungspläne nicht strukturiert gefördert werden“, meint Bursy.
Am 19. Januar von 15 bis 18 Uhr geht es weiter mit einem dritten Teil der Zukunftswerkstatt, dieses Mal im Seminarraum des Kletterzentrums Bremen. Der Workshop richtet sich an Auszubildende und dual Studierende aus den Bereichen IT und Logistik.
Thematisch im Mittelpunkt steht für uns dabei die Frage, wie Generationengerechtigkeit im Unternehmen gelebt und gelingen kann. Dazu gehören für uns neben nachhaltigen Gesichtspunkten gerade auch die im ersten Workshop diskutierten Punkte wie Mitbestimmung und Teilhabe jüngere Beschäftigter im Unternehmen und deren Weiterbildungsmöglichkeiten. Eine Teilnahme an der ersten Zukunftswerkstatt ist keine Voraussetzung für die Teilnahme im Januar.
Eine Anmeldung ist bei Eva Koball in der Geschäftsstelle möglich.
Engram member of FINNOFLEET versucht deshalb, die Lücken selbst zu schließen. Um besser zu verstehen, wie das gelingen kann, tauschen sie sich regelmäßig mit ihren Auszubildenden aus. „Wir haben wöchentliche 30-Minuten-Termine mit beiden“, erklärt Bursy. „Wir gucken: Was steht im Berichtsheft, aber auch: Was beschäftigt euch gerade?“
Ab Tag eins seien die Auszubildenden außerdem fester Teil des Teams, nähmen an Daily Stand-ups teil und könnten direkt Fragen stellen. In internen Entwicklerrunden stellen alle – auch Auszubildende – neue Technologien vor. „In der IT ist es Daily Business, neue Sachen zu lernen“, sagt Jurk. „Auch für uns, die wir schon lange dabei sind.“
Einen konkreten Lösungsansatz für mehr zeitgemäße Praxisnähe im Ausbildungsplan sieht das Team von engram member of FINNOFLEET im projektbasierten Lernen. „Es wäre total sinnvoll, auch an der Berufsschule ein richtiges Projekt durchzulaufen – vom Angebot über die Realisierung bis zur Übergabe.“
Besonders für kleinere Betriebe, die solche Strukturen selbst nicht bieten können, wäre das hilfreich. In einem echten Projekt würden sich Soft Skills von selbst entwickeln: Teamarbeit, Projektmanagement, der Umgang mit Konflikten und Zeitdruck – all das würde automatisch mittrainiert.
Statt Neues dazuzupacken, sollten die vorhandenen Inhalte im Ausbildungsplan erst einmal auf aktuelle Standards überprüft werden.
Thomas Jurk, Software-Entwickler und Ausbilder bei engram member of FINNOFLEET
Unternehmen wie engram müssen ein Grundproblem auffangen: Während sich Technologien exponentiell entwickeln, arbeiten Bildungseinrichtungen mit langen Anpassungszyklen. Die letzte Aktualisierung der IT-Ausbildungsberufe erfolgte 2020 – in einer Branche, in der sich innerhalb von Monaten grundlegende Paradigmen ändern können.
„Früher hat sich auch etwas entwickelt, aber eben nicht in so einer Schnelligkeit“, sagt Müller. Somit müsse zumindest ein Stück weit die Agilität auch auf Seiten der Bildung angepasst werden.
Es wäre deshalb sinnvoll, so Müller weiter, wenn es einen Abgleich zwischen Schulen, Unternehmen und Verbänden gäbe. So könnten Inputs und Wünsche, wie sie beispielsweise in der Zukunftswerkstatt erarbeitet wurden, in den Rahmenplan überführt werden.
Thomas Jurk würde sich vorher noch etwas anderes wünschen: „Bevor wir Neues dazupacken, sollten die vorhandenen Sachen erst einmal überdacht und auf aktuelle Standards überprüft werden.“
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen