Was Raumfahrt und SAP-Beratung verbindet

Collage aus zwei Portraifotos von Menschen, die in einem Innenraum in die Kamera schauen. Darüber liegt im unteren Bildbereich ein blauer Farbverlauf, der zur Bildmitte ausfadet. Collage aus zwei Portraifotos von Menschen, die in einem Innenraum in die Kamera schauen. Darüber liegt im unteren Bildbereich ein blauer Farbverlauf, der zur Bildmitte ausfadet.
Foto: abat AG und tenics Software Engineering GmbH
Digitalstandort BremenWie ähnlich oder unterschiedlich blicken Unternehmen aus derselben Branche eigentlich auf aktuelle Themen? Wir waren neugierig und haben deshalb noch vor Beginn unserer breit angelegten Erhebung zwei Mitglieder gefragt, was sie bewegt und wie sie die Zukunft planen.

In den Perspektiven von Olga Winterhoff, Geschäftsleitung von abat, und Dirk Roßkamp, Geschäftsführer von tenics, zeigen sich portfoliobedingt durchaus Unterschiede: Bei abat verändert vor allem KI das Geschäftsmodell, tenics beschäftigt sich währenddessen mit Miniaturisierung und neuen Produktionsprozessen in der Raumfahrt. Beim Blick auf Bremen liegen die Einschätzungen dagegen erstaunlich nah beieinander: Beide sehen besonderes Potenzial in der Verbindung von etablierter Industrie, jungen Tech-Unternehmen und Wissenschaft.

Welche Entwicklung der vergangenen Jahre {prägt} euer Geschäft heute am stärksten?

Dirk Roßkamp (tenics): „Raumfahrt ist eine tragende Säule der Wirtschaft der Zukunft. Davon waren wir schon immer überzeugt. Inzwischen sind jedoch auch Politik und breite Öffentlichkeit auf unsere Branche aufmerksam geworden. Europa wird in der Raumfahrt erwachsen und baut zunehmend Fähigkeiten auf, um sich seine souveränen Zugänge zum All zu sichern. Wir merken das in unserem Alltagsgeschäft und an der Aufmerksamkeit, die unserer Branche zuteil wird, deutlich.“

Olga Winterhoff (abat): „Vor zwei, drei Jahren stand bei unseren Kunden ganz klar die Transformation auf S/4HANA im Mittelpunkt. Inzwischen verschiebt sich der Schwerpunkt spürbar: Immer mehr Anfragen drehen sich um den Weg in die Cloud und den gezielten Einsatz von KI, etwa in der Logistik. Für uns bedeutet das: Wir begleiten unsere Kunden nicht mehr nur bei der Systemumstellung, sondern auf dem Weg zu intelligenten Prozessen.“

Welche neue Technologie {verändert} euer Geschäftsmodell derzeit am stärksten?

Dirk: „Verbesserte Produktionsprozesse und die Miniaturisierung von Satelliten. Wir erleben gerade, dass die Anzahl von Satelliten und deren Einsatzmöglichkeiten massiv wächst. Satelliten werden modular, je nach Missionsbedarf, in Serie gefertigt. Die Nachfrage nach Flight Software steigt entsprechend. Statt diese für jede Mission neu zu schreiben, setzen wir daher auf modulare Softwarebausteine. Diese müssen dann nur noch für die entsprechende Mission angepasst werden. Damit zieht die Software endlich mit den dynamischen Produktions- und Missionsprozessen, die in der Hardware schon etabliert sind, gleich. Ironischerweise hängt in der Raumfahrt, anders als in anderen Branchen, die Software oftmals ein wenig hinterher. Das ändern wir bei tenics gerade.“

Olga: „Ganz klar KI – und zwar auf zwei Ebenen. Zum einen setzen wir sie in konkreten Kundenlösungen ein, etwa für die automatisierte Inventur oder die Produkterkennung im Lager. Zum anderen nutzen wir KI zunehmend als Unterstützungstool in unseren eigenen Projekten, um Geschwindigkeit und Skalierung zu erhöhen – von der Konzeption über die Realisierung bis hin zur Unterstützung im produktiven Betrieb. Das verändert nicht nur einzelne Prozesse bei unseren Kunden, sondern auch unser eigenes Leistungsportfolio: Wir entwickeln uns von einer klassischen SAP-Beratung hin zum Partner für intelligente, KI-gestützte Lösungen.“

Panoramaperspektive der Bremer Innenstadt mit dem Dom im Mittelpunkt. Foto: 575916834, adobe.stock

Wie beurteilt ihr eure geschäftliche {Perspektive} für die kommenden zwei Jahre?

Dirk: „Europa wird in der Raumfahrt erwachsen und unabhängig. Wir wollen das Ziel der europäischen Souveränität im All mit vorantreiben. Diese übergeordnete Ausrichtung der Raumfahrtindustrie wird auch die kommenden Jahre prägen. Das merkt man zum einen daran, dass immer mehr Geld in die europäische Raumfahrt investiert wird, aber auch daran, dass endlich ein Bewusstsein für die strategische Bedeutung der Branche entstanden ist. In der Folge wächst unsere Industrie stark und orientiert sich gleichzeitig neu. Natürlich werden nichteuropäische Unternehmen weiterhin eine entscheidende Rolle spielen. Der neue Fokus auf heimische Anbieter lässt uns jedoch sehr optimistisch auf die nächsten Jahre blicken. Bremen spielt hier tatsächlich eine Vorreiterrolle: Sehr früh wurde hier die Bedeutung der Raumfahrt erkannt und zum Beispiel in die Förderung von Raumfahrt-Startups investiert.“

Olga: „Wir blicken grundsätzlich positiv auf die kommenden zwei Jahre. Die Rahmenbedingungen bleiben herausfordernd, gleichzeitig sehen wir in den aktuellen Themen rund um Cloud und KI weiterhin Chancen für uns und unsere Kunden. Wichtig ist uns, flexibel zu bleiben und uns an die jeweilige Marktentwicklung anzupassen. Besonders wertvoll ist für uns dabei die langjährige Zusammenarbeit mit unseren Kunden, die über die Jahre zu echten Partnerschaften geworden ist.“

Welche Rolle kann Bremen bei der {digitalen Transformation} der Industrie einnehmen?

Dirk: „Bremen ist ein sehr starker Industriestandort mit traditionsreichen Unternehmen, aber auch einem wachsenden Deep-Tech- und Startup-Ökosystem. Ähnlich wie in der Raumfahrt bereits geschehen, kann Bremen als Standort sehr davon profitieren, die Dynamik der neuen Akteure in die Traditionsunternehmen einfließen zu lassen. Zudem kann klassisches Engineering mit modernen digitalen Tools auf ein neues Level gehoben werden.“

Bremen kann als Standort sehr davon profitieren, die Dynamik der neuen Akteure in die Traditionsunternehmen einfließen zu lassen.
Ein Mann posiert für ein Foto und schaut in die Kamera.

Dirk Roßkamp, Geschäftsführer tenics Software Engineering GmbH

Olga: „Für uns ist Bremen nicht nur Standort, sondern Zentrale – hier sitzt unser Hauptsitz. Und die Stadt hat mehr zu bieten, als man ihr oft zutraut: eine bemerkenswerte Dichte an starken Unternehmen aus Digitalisierung und KI-Entwicklung, exzellente Hochschulen und eine etablierte Industrie. Was noch fehlt, ist die engere Verzahnung dieser Akteure. Gelingt das, kann Bremen mehr sein als ein Standort unter vielen.“

Welche {Kompetenzen und Qualifikationen} werden in eurem Unternehmen künftig besonders gebraucht?

Dirk: „Unsere Software fliegt auf komplexen Systemen unter extremen Bedingungen. Als Space-Software-Unternehmen ist die Basis für unsere Mitarbeitenden daher, dass sie sehr gute Fähigkeiten in der Software-Entwicklung mitbringen. Daneben legen wir großen Wert auf Soft Skills. Unsere Branche, aber auch tenics selbst, ist multikulturell geprägt. Allein bei uns, einer Firma mit knapp über 20 Mitarbeitenden, arbeiten Menschen aus sieben verschiedenen Nationen. Die Teams arbeiten eng miteinander und müssen kreative Lösungen für technisch herausfordernde Aufgaben finden. Wir achten daher sehr darauf, dass wir Menschen einstellen, die sich in einer solchen Umgebung wohlfühlen und aufblühen.“

Olga: „KI-Fähigkeiten werden für uns immer wichtiger – aber sie ersetzen nicht die Grundkompetenzen, die schon immer zählen. Teamfähigkeit, analytisches Denken und die Fähigkeit, innovativ an Probleme heranzugehen, bleiben entscheidend. Genauso wichtig ist die Arbeit mit unseren Kunden: Kommunikation, das Verstehen ihrer Anforderungen und die gemeinsame Entwicklung der passenden Lösung. Der Unterschied ist: Diese Kompetenzen werden künftig noch stärker mit einem sicheren Umgang mit KI-Werkzeugen kombiniert.“

Wie muss Ausbildung {gestaltet} sein, damit sie qualifizierten Nachwuchs für die Branche hervorbringt?

Dirk: „Für unseren speziellen Fall ist Domänenwissen ein klarer Vorteil. Man kann natürlich nicht erwarten, dass Informatikstudierende mit perfektem Wissen über Satellitensoftware von der Uni zu uns kommen. Eine frühe Verzahnung von Theorie und Praxis ist dennoch ein Vorteil. Wenn man an der Uni schon früh weiß: ‚Ich will in die Raumfahrt‘, ist es hilfreich, wenn entsprechende Praxismodule für Studierende angeboten werden. Bremen ist hier bereits auf einem guten Weg mit praxisintegrierten dualen Studiengängen. Positiv zu nennen ist außerdem, dass es in Bremen Bemühungen gibt, Informatik als Pflichtfach in Schulen einzuführen. Aus unserer Sicht ist das ein notwendiger Schritt, um einen breiten Nachwuchstrichter zu erzeugen und schon früh die Begeisterung für IT-Themen zu wecken.“

Olga: „Für uns ist vor allem die Lösungsorientierung entscheidend – am Ende zählt, ob jemand ein Problem pragmatisch angehen und lösen kann. Andere Länder zeigen, wohin die Reise gehen kann: In Taiwan verlagert sich der Fokus der Ausbildung zunehmend auf Fähigkeiten, die Maschinen auf absehbare Zeit nicht replizieren können. Genau diese Richtung – weg vom reinen Faktenwissen, hin zu genuin menschlichen Stärken – sollte auch unsere Ausbildungslandschaft stärker einschlagen.“

Weg vom reinen Faktenwissen, hin zu genuin menschlichen Stärken – genau diese Richtung sollte auch unsere Ausbildungslandschaft stärker einschlagen.
Eine Frau posiert für die Kamera und blickt lächelnd in die Kamera.

Olga Winterhoff, Geschäftsleitung abat AG

Welche {politische Rahmenbedingung} muss sich ändern, damit sich die Bremer IT-Wirtschaft gut entwickeln kann?

Dirk: „Die Bedingungen, die wir in Bremen vorfinden, weisen bereits eine solide Basis auf. Die Verbindung aus starken Traditionsunternehmen, dynamischen Startups und exzellenter Forschung – das alles liegt viel näher beieinander als in anderen Städten und spricht für unseren Standort. Die Politik nimmt die Bedeutung von Deep Tech und IT-Wirtschaft wahr, was sich zum Beispiel in entsprechenden Förderprogrammen widerspiegelt. Wichtig ist, dass Bremen sich diese sehr guten Bedingungen erhält. Aus Sicht eines Raumfahrt-IT-Unternehmens sehen wir deutlich, dass andere Standorte sich zunehmend stark machen, um auch mitspielen zu können. München wäre hier zu nennen. Die Bremer Politik sollte aus unserer Sicht die bestehenden Stärken weiter ausbauen. Starke Hochschulen locken Talente an, die sich nach der Uni oft dazu entscheiden, in Bremen zu bleiben und in der lokalen IT-Wirtschaft ihre Karriere zu beginnen. Bei der Digitalisierung und Geschwindigkeit der Verwaltung hat Bremen zudem noch Potenzial, sich als Standort abzuheben und junge Unternehmen anzulocken.“

Olga: „Uns ist wichtig, dass die Verwaltung in Bremen bei der Digitalisierung weiter an Tempo gewinnt – hier sehen wir Bremer IT-Unternehmen als starke Partner. Genauso wichtig wären für uns weniger Bürokratie und mehr Zusammenarbeit über Zuständigkeitsbereiche hinweg. Das würde dem gesamten Standort helfen. Mit Blick nach vorn sind wir gespannt, welche Impulse die kürzlich beschlossene KI-Strategie des Bremer Senats bringen wird – ein Schritt, den wir gerne aktiv begleiten.“

Welche Veränderung bei euren Kunden {beeinflusst} eure Arbeit am stärksten?

Dirk: „Geschwindigkeit. Die Dynamik in der europäischen Raumfahrtindustrie hat deutlich zugenommen. Während Projekte früher lange Planungs- und Umsetzungsphasen brauchten, geht heute vieles deutlich schneller. Der Markt bewegt sich immer weiter weg von wenigen großen oder staatlichen Akteuren hin zu deutlich mehr, zum Teil kleinen Marktteilnehmern. Wir begrüßen diese Entwicklung sehr. Mehr Marktdynamik bedeutet auch mehr Innovation. Es sind spannende Zeiten in der europäischen Raumfahrt.“

Olga: „Da wir in ganz unterschiedlichen Branchen unterwegs sind, lässt sich das nicht pauschal beantworten – die Ausgangslagen unserer Kunden sind sehr verschieden. Eine Gemeinsamkeit sehen wir aber branchenübergreifend: Alle treiben die Digitalisierung voran und rücken zunehmend autonome Prozesse in den Fokus.“

 

Zwei Unternehmen, zwei Branchen, viele unterschiedliche Themen – aber an einer interessanten Stelle sind sich Olga Winterhoff und Dirk Roßkamp einig: Bremens Zukunft entscheidet sich an der Verzahnung von Industrie, Startups und Wissenschaft. Ob sich diese Einschätzungen in der Breite wiederfinden, wo andere Erfahrungen gemacht werden und was die Bremer IT-Wirtschaft insgesamt bewegt – das wird unsere neue IT-Standortstudie 2027 zeigen.

Für unsere IT-Standortstudie haben wir – gefördert von der Senatorin für Wirtschaft, Häfen und Transformation – das iaw Institut Arbeit und Wirtschaft damit beauftragt, aktuelle Zahlen unserer Branche zusammenzutragen. Die begleitende Umfrage knüpft unmittelbar an die unserer Studie aus 2020 an und wird sowohl die Entwicklung unserer Branche als auch ihre Bedarfe aufzeigen.

Macht mit und zeichnet mit vielen anderen Unternehmen ein aktuelles Bild der Bremer IT- und Medienbranche.

 

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