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Telemedizin: Von der Ferndiagnose per Videochat bis zur Rettung in letzter Sekunde

Weit entfernt und doch live dabei: Anhand der übertragenen Bilder und Vitaldaten des Patienten kann Dr. Daniel Overheu im Klinikum Oldenburg die Diagnose stellen und den Rettungssanitäter anweisen. Quelle: Klinikum Oldenburg, Fotograf: Lukas Lehmann

Der Arzt stellt eine Diagnose, ohne den Patienten tatsächlich gesehen zu haben. Was vor einigen Jahren noch undenkbar schien, wird mehr und mehr Realität. Dank digitaler Technik von audiovisueller Kommunikation bis zu Datenübertragung per Satellit ist es möglich, dass ein Arzt hunderte Kilometer entfernt von seinem Patienten alle notwendigen Informationen für seine Diagnose oder Therapie bekommt. Jüngst hat der Deutsche Ärztetag das Verbot von Fernbehandlungen ohne vorherige Visiten gelockert und könnte damit der Telemedizin in Deutschland einen wichtigen Schub geben.

Mit großer Mehrheit haben die Delegierten des Deutschen Ärztetages im Mai 2018 in Erfurt eine Änderung der ärztlichen (Muster-) Berufsordnung beschlossen: Künftig sollen Beratung und Behandlung über Kommunikationsmedien auch ohne persönlichen Erstkontakt im Einzelfall erlaubt sein, wenn dies ärztlich vertretbar sei und die ärztliche Sorgfalt in allen Belangen gewahrt werde. Die Neuregelung muss noch in die Berufsordnungen der Landesärztekammern übernommen werden.

Damit wird der Weg frei für viele Möglichkeiten und Projekte. Die Telemedizin deckt inzwischen sämtliche medizinischen Bereiche ab: Diagnostik, Therapie, Rehabilitation und Prävention. Die Bandbreite ist groß, sei es das elektronische Tagebuch für Diabetiker oder die Online-Video-Sprechstunde. Grundsätzlich ist sie dort besonders hilfreich, wo Distanzen zu überwinden sind.

Patienten im ländlichen Raum besser helfen

Zum Beispiel im ländlichen Raum, wo die Zahl der Hausärzte ohnehin kontinuierlich abnimmt. Dank der Telemedizin können Patienten dort besser überwacht bzw. begleitet und regelmäßiger betreut werden, als wenn sie sich jedes Mal auf den Weg zum Arzt machen müssten – oder gar umgekehrt. Schwierig sind Situationen, in denen sich beispielsweise ein Patient nicht wohl fühlt, seine Hausarztpraxis geschlossen hat und der ärztliche Bereitschaftsdienst aus dem benachbarten Landkreis erst viele Stunden später kommen kann. Also ruft er den Rettungsdienst, obwohl kein lebensbedrohlicher Zustand vorliegt.

An dieser Stelle setzt das Projekt „116117“ des Klinikums Oldenburg an: Im Juni 2018 ist in den Städten Delmenhorst, Lemwerder und Ganderkesee ein Pilotprojekt mit bundesweitem Vorbildcharakter zur telemedizinischen Unterstützung des Bereitschaftsdienstes gestartet. Ruft ein Patient den Bereitschaftsdienst an, fährt ein speziell ausgebildeter Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe, zum Beispiel ein Rettungsassistent oder Notfallsanitäter, zum Patienten nach Hause. Er nimmt eine erste Untersuchung vor und kontaktiert bei Bedarf den Bereitschaftsarzt. Dazu stellt er die Verbindung über ein spezielles telemedizinisches Gerät her, das Vitaldaten übermitteln kann und eine Videoübertragung herstellt. Durch den Sichtkontakt kann sich der Arzt selbst ein Bild von der Situation beim Patienten machen.

Viel Erfahrung in der Offshore-Rettung

„Wir verwenden dieses Konzept und Gerät bereits erfolgreich zum Beispiel in der Offshore-Rettung“, sagt Dr. Daniel Overheu, Projektverantwortlicher und Ärztlicher Leiter Telemedizin an der Universitätsklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie, Klinikum Oldenburg AöR. Aufgrund der großen Entfernungen zu den Offshore-Windparks in der Nordsee würde es zu lange dauern und zu teuer sein, wegen nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen einen Mitarbeiter an Land zu holen. Stattdessen untersucht eine Gesundheitsfachkraft der Johanniter den Patienten, konsultiert den Arzt im Klinikum Oldenburg und veranlasst die weitere Behandlung.

„Im Prinzip funktioniert das System im Bereitschaftsdienst an Land genauso“, betont Overheu. „Und ich bin sicher, was im Nirgendwo auf der Nordsee funktioniert, wird auch in der Stadt Delmenhorst funktionieren.“ Falls der Arzt bei der Untersuchung entscheidet, dass eine Einweisung ins Krankenhaus notwendig ist, wird der örtliche Rettungsdienst gerufen. „Wir gehen davon aus, dass 85 Prozent aller Patienten zuhause behandelt werden können“, sagt Andreas Blume, Fachbereichsleiter Forschung und Entwicklung im Regionalverband Weser-Ems der Johanniter-Unfall-Hilfe. Das System wird zunächst für ein halbes Jahr jeweils am Wochenende von freitags 21 Uhr bis montags 7 Uhr getestet.

Das Klinikum Oldenburg betreibt im Rahmen des Projektes WINDEAcare seit März 2015 eine Zentrale für Telemedizin. Mediziner beurteilen dort ohne zeitliche Verzögerung die klinische Situation von Patienten, stellen Diagnosen, treffen weiterführende therapeutische Entscheidungen und leiten Ersthelfer oder Rettungsassistenten an. Derzeit liegt der Fokus auf Patienten, die auf Offshore?Windplattformen in der Nordsee tätig sind und dort erkranken oder einen Unfall erleiden.

Weitere Informationen: www.telemedizin.klinikum-oldenburg.de

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