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Demokratisierung von Robotik und künstlicher Intelligenz

Der Roboter soll dem Menschen dienen, nicht umgekehrt, meinten die Teilnehmer der Bremer Universitätsgespräche. Abbildung: LindaMarieB/iStock

Robotik und künstliche Intelligenz bieten enorme Potenziale zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen und zur Verbesserung der Lebensqualität. Die neuen Technologien bergen jedoch auch Gefahren, wenn sie auf unverantwortliche Weise eingesetzt werden. Darüber hinaus kann die starke Marktmacht großer Konzerne im IT-Bereich dazu führen, dass sich das wichtigste Know-how in Zukunft nur in wenigen Händen befindet. Wissenschaftler und Industrievertreter aus mehreren europäischen Ländern trafen sich daher im November in Bremen, um bei den diesjährigen Universitätsgesprächen erste Weichen für die Demokratisierung der Robotik zu stellen.

In einem waren sie sich einig: Die komplette Abhängigkeit von US-Unternehmen und der amerikanischen Regierung wäre für Europa äußerst problematisch. Dies wurde erst kürzlich wieder durch die Präsidentschaftswahlen deutlich, aber auch beispielsweise durch die Zusammenarbeit von Yahoo mit der NSA.

In den USA wird die Entwicklung jedoch ebenfalls kritisch beobachtet: "Ich glaube, in den Händen der Reichen wird diese Technologie ein Alptraum für uns sein", betonte Prof. Yiannis Aloimonos von der University of Maryland in seiner Festrede. Aloimonos widmet sich mit seiner Forschung einer der wichtigsten Fragen bei der Entwicklung autonomer Roboter: Wie können Handlungen in einzelne logische Schritte zerlegt und in Sprache übersetzt werden, damit ein Computer auch undeutlich formulierte Anweisungen verstehen und umsetzen kann? Um diesen Prozess möglichst effizient zu gestalten, hat der Wissenschaftler eine Grammatik beschrieben, die allen Aktivitäten zugrunde liegt.

Schicksal der Gentechnik vermeiden

David Bisset von der britischen Firma iTechnic sieht es als essenziell an, die Bevölkerung in die technologische Entwicklung einzubeziehen. "Wenn wir das Leben der Menschen nicht besser machen, bewegen wir uns nicht in die richtige Richtung", erklärte er. Es bestehe die Gefahr, dass die Robotik das gleiche Schicksal erleide wie die Gentechnik – die Mehrheit der Menschen entscheidet, dass sie nichts damit zu tun haben möchte.

Aber was genau bedeutet Demokratisierung im Zusammenhang mit dieser Technologie eigentlich? Laut Bisset findet eine Demokratisierung statt, wenn a) die breite Bevölkerung einen Zugang zu der Technologie hat, b) ein bidirektionaler Austausch von Nutzen zwischen den Anbietern und Anwendern stattfindet und c) die Anwender die Kontrolle über den konkreten Einsatz der Technologie behalten. Beispiele seien der App Store oder der Amazon Market Place: "Jeder kann jetzt ein produzierendes Unternehmen aus seinem Schlafzimmer heraus betreiben", so Bisset.

Forschungsergebnisse leichter zugänglich machen

Prof. Herman Bruyninckx (KU Leuven) definierte den demokratischen Prozess noch etwas näher: "Jeder kann teilhaben, der Prozess ist transparent, er ist fair und er ist umfassend – niemand kann entscheiden, nicht teilzunehmen."

Bruyninckx plädierte dafür, öffentlich finanzierte Forschungsergebnisse besser zugänglich zu machen. Er bemängelte, dass die EU zwar bereits viel Geld in die Robotikforschung investiert habe, deren Ergebnisse aber kaum in öffentlichen Portalen abrufbar seien. "Das ist unsere eigene Schuld", ermahnte er die Wissenschaftler, "die Regierungen halten uns nicht zurück."

Nun gelte es, proprietären Plattformen wie Watson, Siri oder Cortana eine Linux-artige Wissensplattform entgegenzusetzen. Wikipedia und das Wikidata-Projekt seien gute Vorbilder.

Plattform ermöglicht den Erfahrungsaustausch unter Robotern

Eine entsprechende Initiative hat Prof. Michael Beetz (Universität Bremen), der die Konferenz gemeinsam mit Prof. Andreas Birk von der Jacobs University koordinierte, bereits gestartet. Sein Team hat mit "openEASE" eine webbasierte Plattform geschaffen, auf der Robotikforscher und -anwender ihre Daten austauschen können. Ziel ist es, dass möglichst viele Roboter ihre Erfahrungen bei der Ausführung bestimmter Tätigkeiten bündeln und somit gemeinsam lernen, effizienter zu arbeiten.

Darüber hinaus beinhaltet openEASE eine Computersprache und weitere Instrumente, die es erlauben, gezielte Fragen an die vorhandenen Daten zu stellen. So kann beispielsweise ermittelt werden, warum eine Maschine eine bestimmte Handlung ausgeführt hat, wie sie vorgegangen ist, was dabei passierte und was sie mit ihren Kameras oder Sensoren von der Umgebung wahrnahm. Wenn ein Roboter nun beispielsweise Nudeln kocht und das heiße Wasser abgießen möchte, kann er sich auf der Plattform erkundigen, ob einer seiner Kollegen schon mal Ähnliches probiert hat und welche Vorgehensweise sich dabei bewährt hat.

Als Vorlage können auch menschliche Aktionen dienen, die beispielhaft ausgeführt und im System hinterlegt werden – in Form von Sensordaten und Videos. Auch die Auswertung von Youtube-Videos, z.B. Tutorials, soll perspektivisch möglich sein.

Europäisches Gegengewicht schaffen

Bei den Universitätsgesprächen warfen die Teilnehmer zum Abschluss einen ersten Blick auf die "Partnership on Artificial Intelligence to Benefit People and Society", in der sich große Konzerne wie Amazon, Facebook, Google und IBM zusammengeschlossen haben. Aktuell wurde der Verbund kaum als Bedrohung für europäische Unternehmen eingestuft. Es bleibe allerdings abzuwarten, ob er seine Aktivitäten – wie angekündigt – in den Dienst der gesamten Gesellschaft stellen werden, so die überwiegende Haltung der Wissenschaftler und Unternehmensvertreter. Eine Gefahr bestehe, wenn zukünftig ein Großteil der relevanten Daten in wenigen Händen liegen und hinter virtuellen Mauern versteckt sein sollte. In diesem Fall wäre die Bedrohung gerade für kleine und mittlere Unternehmen in Europa tatsächlich gegeben, urteilte Prof. Beetz.

Dennoch ist eine stärkere Kooperation innerhalb Europas nach Meinung der Teilnehmer notwendig, um der US-zentrierten und wirtschaftslastigen Entwicklung der künstlichen Intelligenz ein europäisches, demokratischeres Gewicht entgegenzusetzen. Prof. Andreas Birk von der Jacobs University vertrat die Hoffnung, dass sich die europäische Community noch stärker im Wettbewerb gegen die großen Konzerne formiert, "wenn der Leidensdruck groß genug ist". (ak)

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