Einzelmeldung

Apps fürs digitale Auto gesucht

Daimler-Chef Dieter Zetsche (2. v. r.) mit dem EQ-Showcar – das Elektrofahrzeug, das künftig in Bremen produziert werden soll, wird mit umfassenden digitalen Funktionen ausgestattet sein. Foto: Daimler

Zwei Tage, zwei möglicherweise wegweisende Meldungen für Bremen: Am 26. Oktober gab die Borgward Group AG, die bereits auf dem chinesischen Markt aktiv ist, den Plan zur Fertigung von Elektrofahrzeugen in Bremen bekannt. Nur einen Tag später erklärte Daimler-Chef Dieter Zetsche aus der Konferenz "AutoDigital" des Weser-Kurier, dass sein Konzern das erste E-Auto von Mercedes-Benz im hiesigen Werk bauen werde. Bremen verfügt damit über gute Chancen, auch nach dem Ende der Verbrennungsmotor-Ära ein bedeutender Standort der Automobilindustrie zu bleiben.

Die Konferenz "AutoDigital" zeigte, welche Chancen dieser Umstand auch für andere Branchen haben kann – insbesondere aus den Bereichen IT und Medien. Aus Ingenieursperspektive ist ein E-Auto weniger komplex als ein Fahrzeug mit herkömmlichem Antrieb. Massiv an Bedeutung gewinnt jedoch die Software im Auto, die schon jetzt nicht mehr wegzudenken ist. Von Fahrerassistenzprogrammen über das Entertainmentsystem bis hin zur grenzenlosen Vielfalt an denkbaren Service-Apps erschließen sich zurzeit zahlreiche neue Geschäftsfelder für IT-Unternehmen.

Daimler setzt auf vier Säulen der Digitalisierung

Zetsche sprach auf der Konferenz, die an der Jacobs University in Bremen-Nord stattfand, von einem "digitalen Tsunami" – und dieser lasse sich nicht aufhalten. Mercedes gliedert seine Strategie bei der Digitalisierung des Autos daher in vier Säulen: Konnektivität, autonomes Fahren, Sharing und Elektromobilität.

Eine Voraussetzung für die umfassende Erhöhung der Konnektivität, also der Vernetzung von Fahrzeugen und Infrastruktur, ist laut Zetsche der schnelle Ausbau der flächendeckenden, zuverlässigen Internetverbindungen. Dies werde zwar noch eine Weil dauern, aber bereits jetzt entwickele Daimler entsprechende Anwendungen: Geplant sei beispielsweise die "crowdgesourcte" Parkplatzsuche. Wenn ein Auto in der Innenstadt einen freien Parkplatz entdeckt, gibt es diese Information automatisch an die Cloud weiter. Verbundene Autos erhalten auf diese Weise einen Überblick über aktuell freie Parkplätze und können diese zielgerichtet ansteuern – mit erheblicher Zeitersparnis für die Fahrer und Entlastungen für die Umwelt.

Der Trend geht zum Carsharing

Beim autonomen Fahren setzt Daimler auf maschinelles Lernen. Die unendliche Zahl an Situationen, die ein Autofahrer im Straßenverkehr bewältigen muss, können Programmierer nicht alle vorausahnen, um den Fahrzeugen entsprechende Handlungsanweisungen zu geben. Daher wird auf eigenständiges Lernen der Maschinen gesetzt: Erfahrungen aus Probefahrten und Simulationen werden gesammelt, um immer besser und schneller auf komplizierte Herausforderungen reagieren zu können. Dadurch, dass alle Fahrzeuge diese Erfahrungen miteinander austauschen (und nichts vergessen), vollzieht sich dieser Lernprozess wesentlich schneller als beim Menschen, der sich fast alles selbst erarbeiten muss. In der ersten Hälfte des nächsten Jahrzehnts rechnet der Daimler-Chef mit den ersten wirklich vollautonom fahrenden Autos.

Aber auch ganz neue Geschäftsmodelle bewegen die Branche. "In der Mobilität ist das Sharing ein Riesenthema", berichtete Zetsche. Daimler betreibe weltweit bereits 14.000 Car2go-Autos, die von 2 Millionen Menschen genutzt würden. "Der nächste Schritt ist das Peer-to-peer-Sharing", kündigte Zetsche an – also das Teilen von Fahrzeugen unter Privatpersonen.   

Flexibilität in der Produktion entscheidend

Die Digitalisierung gewinnt aber auch in der Produktion noch weiter an Bedeutung. Bremen hat unter anderem deshalb den Zuschlag für den Bau des ersten Mercedes-E-Autos bekommen, weil das Werk hier sehr flexibel ist. Da noch niemand einschätzen kann, wie sich die Nachfrage nach E-Fahrzeugen entwickeln wird, ist es für Daimler wichtig, sich alle Optionen offenzuhalten – von der Produktion auf Sparflamme bis zum schnellen Hochfahren des Outputs.

Vom Publikum wurde Zetsche gefragt, ob auch sein Erscheinungsbild ein Signal sein soll, dass Daimler jetzt stärker dem Silicon Valley zugewandt sei und einen entsprechenden Kulturwandel anstrebe: Der Konzernchef war leger in Jeans und Sakko erschienen und hatte auf die Krawatte verzichtet. Zetsche verneinte zwar den strategischen Hintergedanken, bestätigte aber, dass im Vorstand des Unternehmens tatsächlich ein Umdenken stattgefunden habe: Wohlfühlen gehe jetzt vor Dresscode.

Microsoft Office fürs Auto

Zu den Unternehmen, mit denen Daimler bei der Digitalisierung des Autos kooperiert, zählt Microsoft. Funktionen, die laut Zetsche in näherer Zukunft verfügbar sein könnten: Das Auto weiß selbst, wohin es fahren muss, weil es den Terminkalender des Fahrers kennt. Und es stellt automatisch eine Telefonverbindung her, wenn im Kalender ein entsprechender Termin eingetragen ist.

Einen tieferen Einblick gab Andreas Stark, Director Business Program Management bei Microsoft in Seattle. Der Software-Konzern bereitet seit einem Jahr intensiv den Einstieg in die Automobilindustrie vor, tritt im Moment damit aber öffentlich noch deutlich weniger in Erscheinung als Google und Apple. Die Themenschwerpunkte decken sich weitgehend mit denen von Daimler, allerdings sehe sich Microsoft "nicht als Konkurrent, sondern als Partner", so Stark.

Konzerne suchen interessante Apps und Start-ups

Er glaubt auch nicht, dass ein Unternehmen alleine sämtliche Herausforderungen rund um das "intelligente Ökosystem" des Autos meistern kann. Microsoft will in Zukunft eine Auto-Plattform für das "Internet der Dinge" anbieten und diskutiert darüber zurzeit mit den großen Herstellern. Allerdings sucht auch der Softwarekonzern die Zusammenarbeit mit Partnern: Es soll sich um ein offenes System handeln, das die Ergänzung durch externe Apps ermöglicht. "Wir haben nicht die Absicht, alle denkbaren Applikationen für das Auto zu bauen – das geht gar nicht", so Stark.

Für kleinere Software-Unternehmen ergeben sich dadurch interessante Perspektiven. Denn nicht nur die IT-Konzerne suchen entsprechende Partner, sondern auch die Automobilhersteller selbst sondieren zurzeit den Markt. "Es gibt eine spannende Start-up-Landschaft", berichtete Kay Lindemann, Geschäftsführer des Verbands der Automobilindustrie, bei der Podiumsdiskussion. "Mein Eindruck: Unsere Unternehmen versuchen stark, sie an sich zu binden. Nicht nur in den USA, sondern auch in Israel und Deutschland." Wer am Ende das Rennen im Markt für das digitale Auto machen wird, sei zurzeit noch vollkommen offen, so Lindemann.

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