Einzelmeldung

Robotik-Hochburg Bremen: Wissenschaftler suchen Kooperationen

Im EASE-Labor an der Uni Bremen lernen Roboter, selbstständig zu agieren – hier übt das Open-Source-Modell "PR2" die Durchführung eines chemischen Experiments.

Drei Tage lang war Bremen in der vergangenen Woche das Zentrum der deutschen Robotiklandschaft. Zunächst richtete die Deutsche Gesellschaft für Robotik hier ihre "DGR Days 2017" aus, ehe direkt im Anschluss der neue Sonderforschungsbereich "EASE" an der Uni Bremen mit einem zweitägigen Symposium offiziell startete. Zentrales Thema waren die weiteren Entwicklungsperspektiven dieses Felds in Wirtschaft und Wissenschaft – und dabei wurde deutlich, dass die Zusammenarbeit mit vielfältigen anderen Fachrichtungen zunehmend an Bedeutung gewinnt, um die massiven Potenziale der Robotik zu erschließen.

"Roboter sind vielleicht die deutlichsten Wegweiser für eine digitale Zukunft", betonte Prof. Michael Beetz, dem es gemeinsam mit Prof. Kerstin Schill gelungen ist, 10 Millionen Euro für den Sonderforschungsbereich "EASE" (Everyday Activity Science and Engineering) von der Deutschen Forschungsgemeinschaft einzuwerben. "So gesehen wird die Universität Bremen mit ihren international anerkannten Leistungen bei Robotik und Künstlicher Intelligenz zum 'Reiseführer' für Wirtschaft und Gesellschaft. Studien belegen, dass diese Entwicklung weltweit Fahrt aufnimmt – und wer die Zukunft nicht mitgestaltet, läuft Gefahr, seine wirtschaftliche Basis zu verlieren oder fremdbestimmt zu werden."
 
Zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten

Im Rahmen des SFB "EASE" wird erforscht, wie sich Menschen im Alltag zurecht finden. Dieses Verständnis wird genutzt, um Robotern umgangssprachliche Anweisungen geben und entsprechende Verhaltensmuster lehren zu können. "Wenn Roboter lernen, umgangssprachliche Anweisungen richtig zu interpretieren, ergeben sich zahlreiche Möglichkeiten für die Erhöhung der Lebensqualität – zum Beispiel für Menschen mit Behinderungen oder für Senioren, die länger selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben möchten", erklärt Beetz. "Inzwischen sind aber auch zahlreiche andere Anwendungen technisch möglich geworden, etwa in Kliniken, bei der Unterwasserrobotik, in der Logistik, sogar in Handwerksbetrieben: Roboter müssen lernen, sich den oft nur im Kontext verständlichen Vorgaben des Menschen anzupassen."

Um diese Fähigkeiten in Robotern anlegen zu können, müssen Informatiker und Ingenieure jedoch zunächst besser verstehen, wie die menschliche Intelligenz funktioniert. Im Rahmen von EASE wird daher untersucht, wie Menschen sich Wissen aneignen: Welche gedanklichen Modelle entwickeln sie, um Informationen verarbeiten und in Handlungen umsetzen zu können? Wie lassen sich Informationen und Handlungen in Symbole umwandeln und auf Roboter übertragen? All dies soll erforscht werden, damit Roboter sich beispielsweise einiges Tages selbst Gebrauchsanweisungen durchlesen und Erklärvideos im Internet ansehen können, um diffuse Anweisungen selbstständig ausführen zu können.

Auch Künstler sollen eingebunden werden
 
Die Herausforderungen sind dabei so groß, dass die Robotik-Community die Zusammenarbeit mit vielen weiteren Disziplinen sucht – in Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Eine zentrale Rolle spielt vor allem die Künstliche Intelligenz: Ihr kommt laut Beetz eine Schlüsselrolle bei der Überwindung der Hindernisse zu, die aktuell zum Beispiel noch die Entwicklung eines nützlichen Haushaltsroboters verhindern. Aber das alleine reicht nicht: Giulio Sandini vom Italienischen Technologischen Institut in Genua schlug vor, dass neben Neurowissenschaftlern auch Künstler eingebunden werden, um Emotionen zu analysieren – denn es sei enorm wichtig, dass Roboter lernen, Menschen zu verstehen, um ihre Handlungen darauf abstimmen zu können.

Uwe Haass von der Universität Bremen plädierte daher auch für die Entwicklung eines neuen Paradigmas für die Robotik: "Die Verbreitung von Wissen über Disziplinen hinweg muss deutlich beschleunigt werden", betonte er. Sandini sieht auch den Bedarf an einer engeren Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Unternehmen. Das Feedback aus der Praxis müsse frühzeitiger in die Forschung eingebunden werden, um zügiger Fortschritte zu erzielen.  

Erhebliche Herausforderungen für kleine und mittlere Unternehmen

Die Teilnehmer der beiden Veranstaltungen sahen unterdessen auch die Gefahr, dass kleine und mittlere Unternehmen von den Entwicklungen in Robotik und Künstlicher Intelligenz abgehängt werden, weil diese Felder ihre Kapazitäten übersteigen. Zwar macht beispielsweise Google seine Werkzeuge für die Entwicklung von Anwendungen in der KI frei zugänglich, sodass der Einstieg wesentlich erleichtert wird. Hier droht laut Prof. Frank Kirchner vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz aber eine weitere Gefahr: Zu den ohnehin schon kaum verständlichen Mechanismen einer KI-Anwendung wird durch die Nutzung der fremden Tools eine weitere Ebene der Intransparenz hinzugefügt. Er rate nicht davon ab, sie zu nutzen, denn die Beschäftigung mit KI sei für Unternehmen auf jeden Fall "eine sehr gute Idee". Aber es sei wichtig für Unternehmen und die gesamte Gesellschaft, technologisch "auf der Höhe zu bleiben". Kirchner empfahl daher auch massive Anstrengungen in der Bildung – vom Kindergarten aufwärts – damit die Menschen nicht an Intelligenz verlieren, während die Roboter an Intelligenz gewinnen.

Der Sonderforschungsbereich stellt bereits eine Antwort auf diese Herausforderungen dar: Die Ergebnisse sind für jeden offen zugänglich, die Initiatoren rufen offen zur Beteiligung an den Projekten auf. Insbesondere die Datensammlungen in "OpenEASE" bieten die Möglichkeit, Roboter in Zusammenarbeit mit anderen Akteuren weiterzuentwickeln. Weitere Informationen sind auch unter http://ease-crc.org/ zu finden.

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