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Große Lücke bei der "digitalen Teilhabe": Nutzung von Online-Angeboten muss leichter werden

Der "Digital Index 2017/2018" wurde von den beteiligten Institutionen am 23. Januar in Berlin präsentiert. Foto: Marco Jentsch / schnittstelle Berlin

Der "Digital Index 2017/2018", der am 23. Januar von der Initiative D21 im Bundeswirtschaftsministerium vorgestellt wurde, bescheinigt Deutschland gute Fortschritte bei der Digitalisierung. Allerdings zeigt er auch, dass weite Teile der Gesellschaft nicht erreicht werden: 16 Millionen Menschen haben noch keinen Zugang zum Internet und 32 Prozent der insgesamt rund 20.000 Befragten gaben an, dass sie die Dynamik und Komplexität der Digitalisierung überfordere. Auch Bremen macht dabei kaum Fortschritte: Während das Bundesland vor wenigen Jahren bei der Internetnutzung noch auf dem Spitzenplatz lag, ist es mittlerweile im Mittelfeld versunken.

Der D21-Digital-Index gibt den Digitalisierungsgrad der Gesellschaft auf einer Skala von 0 bis 100 Punkten wieder und fasst die Komponenten Zugang, Nutzung, Kompetenz und Offenheit in einer einzigen Kennzahl zusammen. Erstmals seit 2013 stieg der Indexwert im vergangenen Jahr um 2 Punkte im Vergleich zum Vorjahr an – auf jetzt 53 Punkte. Verantwortlich dafür sind Steigerungen in den Bereichen Kompetenz und Offenheit. "Trotz Verbesserungen befindet sich der Digitalisierungsgrad der Deutschen weiterhin nur auf mittlerem Niveau", teilt die Initiative D21 mit.

Andere Bundesländer haben Bremen überholt?

Der D21-Digital-Index zeigt eine Teilung der Bevölkerung in drei Hauptgruppen: 34 Prozent sind den Digitalen Vorreitern zuzuordnen – Menschen, die sich alltäglich und souverän in der digitalen Welt bewegen. Den größten Teil machen mit 41 Prozent die Digital Mithaltenden aus, also Personen, die sich gelegentlich in der digitalen Welt bewegen und dort einigermaßen zurechtfinden. Ein Viertel der Bevölkerung zählen laut Studie zu den Digital Abseitsstehenden. Diese partizipieren gar nicht oder nur in sehr geringem Umfang an der digitalen Welt.

Bremen hatte in diesem Zusammenhang in der Vergangenheit vergleichsweise gut abgeschnitten. Noch 2011 lag das Bundesland mit einem Anteil von 80,2 Prozent Internetnutzern in Deutschland ganz vorne. In den vergangenen sechs Jahren ging es jedoch kaum weiter voran: Berlin und Hamburg (jeweils 86 Prozent) sowie Baden-Württemberg (84 Prozent) haben Bremen (83 Prozent) überholt, andere liegen gleichauf.

"Deutsche Gesellschaft bezüglich der digitalen Möglichkeiten gespalten"?

Die digitalen Kompetenzen sind jedoch auch bei denjenigen Personen, die mittlerweile das Internet nutzen, sehr unterschiedlich verteilt. Die Index-Komponenten Zugang, Nutzung, Kompetenz und Offenheit seien bei den Befragten uneinheitlich ausgeprägt, teilen die Autoren der Studie mit. "Die deutsche Gesellschaft ist bezüglich ihrer digitalen Möglichkeiten in vielerlei Hinsicht gespalten." Besonders die über 65-Jährigen stünden im digitalen Abseits.

"Digitalisierung wird Wirtschaft, Arbeit und Gesellschaft grundlegend ändern", betonte Mathias Machnig, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft, anlässlich der Vorstellung der Ergebnisse. "Wir müssen dafür sorgen, dass alle Menschen kompetent und souverän an der Digitalisierung teilhaben können – auch im Hinblick auf die Zukunftsfähigkeit unseres Landes."

Auch Hannes Schwaderer, Präsident der Initiative D21, sieht dringenden Handlungsbedarf:  "Um nicht große Teile der Bevölkerung dauerhaft von der digitalen Teilhabe auszuschließen, sind deutlichere Anstrengungen in allen Bereichen der Bildung notwendig – sei es in der Schule, Berufsausbildung oder auch der Erwachsenenbildung."

"Fahrlässig, auf diesem Gebiet weiter so wenig zu tun"


Dem Informatik-Professor Herbert Kubicek vom Institut für Informationsmanagement Bremen (Ifib) ist dieser Blickwinkel zu eng. In der Politik gehe es beim Thema Digitalisierung fast ausschließlich um Breitband-Ausbau sowie um die Digitalisierung von Schule und Arbeit. "Aber die dritte Lebensphase nach Ausbildung und Arbeitsleben – der nachberufliche Lebensabschnitt – wird weder thematisiert noch gefördert", kritisiert er. "Viele Millionen ältere Menschen in unserem Land sind immer noch offline. Sie haben Berührungsängste zu diesen Technologien oder Sicherheitsbedenken. Aber anders als Kinder, für die Milliarden in Digitalisierungsoffensiven versprochen werden, erhalten sie kaum Unterstützung!"

Kubicek, der seit vielen Jahren zur Thematik der Internet-Nutzung von älteren Bevölkerungsschichten forscht, fordert massive Investitionen, um die Seniorinnen und Senioren bei der Digitalisierung mitzunehmen: "Vor dem Hintergrund unserer rapide alternden Gesellschaft wäre es mehr als fahrlässig, auf diesem Gebiet weiterhin so wenig wie bisher zu tun."

Alterslücke hat sich seit 2001 nicht verringert

Zusammen mit seiner Kollegin Barbara Lippa aus von der Stiftung Digitale Chancen hat Kubicek eine aktuelle Studie mit neuen Forschungsergebnissen zur Alterslücke veröffentlicht. Das Ergebnis: Von den über 70-Jährigen haben mehr als 10 Millionen das Internet noch nie genutzt. Der Abstand zwischen den Nutzungsquoten der Jungen und Alten – die sogenannte Alterslücke – hat sich seit 2001 in dieser Altersgruppe nicht verringert. "Bisherige Maßnahmen haben also offensichtlich keine nachhaltige Wirkung erzielt", lautet das Fazit des Informatikers.

Bei Tests in Seniorentreffs und Begegnungsstätten stellten Kubicek und Lippa fest, dass schwierigere Anwendungen mit zunehmendem Alter seltener genutzt werden. "Aber genau die könnten bei abnehmender Mobilität das Leben der Älteren erleichtern und nützlich sein", erklärt Kubicek. "Aber was nutzt es, wenn wir auf dem Gebiet von Telemedizin und E-Health fantastische Software und Assistenzsysteme entwickeln – und kein älterer Mensch ist dann in der Lage, sie zu bedienen und zu nutzen?"
 
Bundesregierung soll 50 Millionen Euro in Tablet-PCs bereitstellen

Die Wissenschaftler schlagen vor, ganz neue Konzepte zu entwickeln: "Keine Kurse mit gemischten Gruppen, sondern lieber Coaching in kleinen homogenen Gruppen“ lautet ihre Lösung. Neben praktischen Übungen, in denen es beispielsweise auch um den rechtlichen Verbraucherschutz geht, sollte es vor allem auch regelmäßige Sprechstundenangebote geben, wo man auch nach einem Training noch Hilfe bekommen kann. In ihrer Studie, die mittlerweile auch als Buch erschienen ist, haben die Autoren zehn Grundsätze für die altersgerechte Förderung digitaler Kompetenzen aufgestellt. Von der Bundesregierung fordern sie unter anderem die Bereitstellung von 50 Millionen Euro für die Ausstattung von 30.000 Seniorentreffs und 3.000 Seniorenheime mit jeweils zehn Tablet-PCs. Diese sollen für drei Monate zusammen mit einem geeigneten Begleitangebot an ihre Besucher und Bewohner ausgeliehen werden. So könne in drei Jahren die zehnfache Zahl älterer Menschen ohne eigene Investitionen erste Erfahrungen sammeln und Selbstvertrauen gewinnen.
 
"Wenn Milliarden für die Digitalisierung der Schulen versprochen werden, dann sollte der Bundesregierung auch dieser Betrag für die zunehmende Zahl älterer Menschen Wert sein", so Kubicek. Aber auch die Wirtschaft ist gefordert, ihren Blickwinkel zu erweitern. Die Berücksichtigung der Menschen im "digitalen Abseits" könnte neben dem gesellschaftlichen Nutzen auch neue Marktnischen eröffnen.

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