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Flüchtlinge als Gründer: Virtueller Inkubator soll Start-ups unterstützen

Im Medienbereich können Flüchtlinge helfen, neue Zielgruppen zu erreichen. In Österreich fand 2016 das erste Medientreffen für Film- und Fernsehmacher, die als Flüchtlinge nach Europa gekommen sind, statt. Foto: FS1 - Community TV Salzburg / Flickr

Das Silicon Valley wäre ohne Flüchtlinge in seiner jetzigen Form kaum denkbar: Die Gründer von zahlreichen Firmen wie Apple, Google und Ebay sind entweder selbst eingewandert oder kurz nach der Ankunft ihrer Eltern in den USA geboren worden. Das wirtschaftliche Potenzial dieses Personenkreises ist – langfristig betrachtet – also riesig, dennoch dreht sich die Diskussion in Deutschland beim Thema Flüchtlinge fast ausschließlich um Ausbildung und Festanstellungen. Erst langsam werden Angebote geschaffen, die es den Neuankömmlingen erleichtern, ihren eigenen Job zu kreieren. Ein neuer Impuls kommt dabei vom Lehrstuhl für Mittelstand, Existenzgründung und Entrepreneurship an der Universität Bremen: Prof. Jörg Freiling und sein Team koordinieren ein EU-Projekt, das den Aufbau eines virtuellen Inkubators für Start-ups von Flüchtlingen zum Ziel hat.

 

Das "Erasmus+"-Projekt analysiert die spezielle Situation, in der sich Geflüchtete befinden – einschließlich Fragen der Orientierung im Zielland, der eigenen sozio-emotionalen Situation und der Details zur Gründung. Auf dieser Basis entwickeln die Bremer zusammen mit der Paris School of Business, der Dublin Business School, der Hilfsorganisation Singa in Frankreich, dem Mainzer ISM e.V. und dem Irish Refugee Council in Irland den virtuellen Inkubator. 

Neben innovativen Trainingsinhalten, die im Wege sogenannter "MOOCs" (Massive Open Online Courses) weltweit abrufbar sein sollen, wird ein Train-the-Trainer-Konzept entwickelt, um Dozenten in die Lage zu versetzen, die Materie parallel zur virtuellen Lehre zu vermitteln. Um den Inkubator praxistauglich zu machen, werden Testrunden unter Realbedingungen durchlaufen. Auf dieser Basis soll der virtuelle Inkubator seinen Feinschliff erhalten.

 

Hohe Motivation bei den Gründern

 

Flüchtlinge bringen als Gründer einen Vorteil mit: Oft verfügen sie über die Motivation und die Leidensfähigkeit, um den Gründungsprozess zu überstehen. "Da ist ein sehr starker innerer Antrieb", berichtet Prof. Freiling. "Viele wollen sich nicht in das soziale Netz fallen lassen, sondern Herren ihrer Lage sein."

 

Gleichzeitig fehlt es den meisten aber auch an wichtigen Grundlagen, um den Start ohne Unterstützung schaffen zu können. "Man kann sie nicht mit klassischen Migranten gleichsetzen", so Freiling. "Flüchtlinge kommen notgedrungen und unvorbereitet hierher. Sie gründen aus einer Notsituation heraus." Die psychischen Belastungen seien sehr groß: Flüchtlingstrauma, fremdes Umfeld, Isolation, unsichere Zukunft. Aus diesem Grund liegt ein starker Fokus des Projekts auf sozialer Integration und dem Aufbau von Netzwerken. Die Lehrmaterialien sollen unter anderem helfen, sich in der Kultur des Ziellands zurechtzufinden.

 

Während die genauen Inhalte noch im Rahmen einer Bedarfsstudie ermittelt werden, sollen dabei jedoch auch viele gründungsspezifische Themen behandelt werden, insbesondere die Rechtsberatung. Darüber hinaus wird der Weg zu weiteren Beratungsstellen aufgezeigt:  

 

Das Angebot wird sich nicht nur direkt an die Flüchtlinge wenden, sondern auch an Hilfseinrichtungen, damit diese gezieltere Unterstützung leisten können. Die Gründungen selbst können verschiedene Formen annehmen: Neben den Einzelgründungen sind auch Gründungen im Team sowie "Gründungen mit Geflüchteten" und "Gründungen für Geflüchtete" denkbar – also Unternehmen, die Refugees von vornherein zentral einbinden.

 

Kooperationsmöglichkeiten für etablierte und junge, kreative Unternehmen

 

Freiling sieht hier auch eine Chance für Unternehmen. Er schlägt vor, "Spielplätze" zu eröffnen, also Experimentierfelder für gründungswillige Geflüchtete. Etablierte Unternehmen könnten auf diese Weise neue Geschäftsfelder vor der Erschließung erproben, aber auch junge, kreative Firmen könnten von dem Ansatz profitieren. "Da kann etwas entstehen, weil die Geflüchteten andere Profile mitbringen", erklärt Freiling.

 

Insgesamt vermisst er noch das Interesse und die Aufmerksamkeit für das Thema Refugee-Gründungen in Deutschland – es gibt beispielsweise keine Statistiken zu dem Thema. "Das ist ein blinder Fleck. Dabei ist die Gründungsbereitschaft dieser Gruppe exorbitant hoch – sie möchte in die Gesellschaft rein und sich über Wasser halten. Dieses Thema wird ohnehin wichtig bleiben, denn ich glaube, die aktuelle Flüchtlingswelle wird nicht die letzte gewesen sein."

 

Weitere Informationen erteilt der Lehrstuhl (Prof. Dr. Jörg Freiling und Dr. Aki Harima) unter lemex@ich-will-keinen-spamuni-bremen.de.

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